Stimmungsschwankungen

“Well, what if there is no tomorrow? There wasn’t one today.”

Roll, roll, roll das Boot

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Auf dem Irtysch

Herzschlag für Herzschlag pocht der Motor des Schiffes an mein Ohr. Der Dampfer ist so alt wie meine Mutter und ich fühle mich aufgehoben. Durch das Fenster scheint weiß der Mond. Zwei alte Damen schnarchen im Duett.

Schon vor Stunden sollten wir in Omsk angekommen sein. Von Tara, hölzerne Perle am Eingang zur Taiga, bis in die Stadt sind es acht Stunden auf dem Fluss. Rakete heißt das Boot, das über den Irtysch rast und dabei hopst als lägen Steine im Weg. Rakete ist kaputt.

Erst hatte sie nur Husten, machte kurze Pausen. Dann blieb ihr Herz stehen. Wiederbelebungsmaßnahmen fruchteten nichts. Sie blieb einfach liegen. Ließ sich treiben auf dem Strom. In ihrem Bauch die Passagiere tranken süße Limo und aßen Chips und trockenes Brot und tranken Bier und spielten Karten und rauchten und schliefen. Und das alles taten sie sehr langsam, denn es war warm im Bauch der Rakete.

Die warme Nachmittagssonne zog ihre Bahnen. Irgendwann erklommen die ersten von innen das Außen. Hielten sich an den zarten Streben der Reling, gingen auf dem Dach spazieren. Der Kapitän ganz vorn im Kopf sagte nichts. War ja schon tot das Ding.

Wellen schwappten gegen den Bug. Ein Flussdampfer, groß wie ein Haus pirschte sich heran. Vorsichtig, ganz vorsichtig schlichen die, die zuvor noch auf dem sonnenwarmen Dach standen, über die Planke in den Bauch des Großen.

Der Große ist langsam. Braucht einen Tag von Tara nach Omsk. 24 Stunden Fluss. Vorbei ziehen Kuhherden, Pferdeweiden, rostige Reste der Perestroika, Fischer auf dem Wasser und Schwimmer am Strand, ein Sonnenuntergang und ein Sonnenaufgang. Der kühle Mond, der durchs Fenster scheint in die dunkle Kajüte. Die lauten alten Frauen erreicht er nicht. Sterne.

Dörfer, Städte und ihre Häfen bleiben zurück. Auf der Anhöhe Traktoren. Ein Kind kauert auf dem Fahrersitz. Der Vater daneben in ausrangierter Armeeuniform. Schauen dem Schiff hinterher. Kein Winken.

Das Pochen des Motors wie ein Herzschlag. In Omsk bleibt er stehen.


Written by Christina

Juli 8th, 2008 at 8:46 am

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