Georgien
Kurze Unterbrechung meiner betulichen Tagebucheinträge
Wie der Einmarsch der georgischen Truppen mein Leben in Russland beeinflusst: Gar nicht. Das zur Beruhigung aller Anverwandten, die nägelkauend vor dem Fernseher sitzen und ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen - sich Sorgen machen. Dann aber hatte das Geschehen doch einen Einfluss, indirekt, auf meine Laune und meine Arbeit. Read the rest of this entry »
29. Juli
Dienstag
Ziehe um von meiner Direktorin zu einer waschechten Baptistenfamilie. Ich packe meine Sachen nicht, weil es mir nicht gefällt oder weil ich in abklingender Geburtstagsverzweiflung doch noch zu Gott gefunden hätte - hier geht es ganz allein darum meine Neugier zu stillen. Olga ist ein wenig bedrückt am Morgen, ich auch. Trotzdem: Mit dem Rucksack auf dem Rücken wandere ich fünfzig Meter die Straße hinunter hinein in eine andere Welt.
28. Juli
Montag
Habe heute Geburtstag, werde 29 und fühle mich wie auf einer kleinen Jolle im Stillen Ozean; kein Wind geht, die Sonne steht am Himmel und ich schwitze und fühle mich unendlich einsam. Meinen Geburtstag habe ich bisher noch nie allein in der Fremde unter Fremden zugebracht. Also halte ich mich fest an meinem Block und meiner Kamera und gehe ins Museum - Beschäftigung lenkt ab.
27. Juli
Sonntag
Gegen halb elf zum Gottesdienst der Mennonitengemeinde. Gott ist Liebe steht auf Russisch an der Wand hinter dem Gemeindevorsteher, der predigt und die Bibel erläutert. Er spricht Plattdeutsch. Ich verstehe so gut wie nichts. Die Gemeinde singt und sie liest den Text aus schon angegilbten, handgeschriebenen Gesangsbüchern ab. Read the rest of this entry »
26. Juli
Ankunft in Neudatschino
Fahre etwa zwei Stunden von Omsk in das russlanddeutsche Dorf Neudatschino im Novosibirsker Oblast. Ankunft gegen Mittag. Jakob Pankratz, Leiter des Russlanddeutschen Hauses in Novo holt mich ab. Man sagte, die Menschen aus Neudatschino sprechen noch Plattdeutsch. Das stimmt. Read the rest of this entry »
Posterboy
Putin
Sowas kommt davon, wenn man einen Promirückfall hat und nur mal kurz in einer russischen Frauenzeitschrift schmökert: Eine Eigenanzeige der besonderen Art.

Zwei Poster in der Sonderausgabe von “Geheimnisse der Stars”, inklusive Interviews und Hintergrundberichten! Das hätte ich doch zu gern gewusst, welche Geheimnisse der Geheimmann Putin so seinem Volk offenbart. Liebschaften in Dresden? Banjabesuche mit Schröders? Den Aufbewahrungsort des Bernsteinzimmers? Wie er so einen tollen, durchtrainierten Bauch hinbekommt trotz Pelmeni, Smetana, Majonaise, Wodka und Bier? Wie das mit der Frau Politkowskaja tatsächlich war? Oder mit dem Herrn Litwinenko? Oder die Sache in Beslan? Oder in Tschetschenien? Oder damals im Musicaltheater Nord-Ost? Ja, mag er überhaupt Musicals?
Leider war ich zu spät, konnte kein Heft mehr bekommen. Meine Vorschläge für kommende Jubeljournale: Mannequin Medwedew, Showgirl Schirinowskij und Sugarbabe Schröder beim Ölcatchen - als Centerfold oder gleich als Riesenposter. Erkennt doch sonst niemand den Unterschied.
Ich hab jetzt ein Abo und warte.
52
… ist nur eine Zahl
Ich hab gerade den ersten Toten meines Lebens gesehen. Die Arme wie zum Fliegen ausgebreitet lag er in blau karierten Unterhosen im Hauseingang. Das Gesicht entspannt, ebenfalls blau. Ein Mann beugt sich über ihn, weint. Die Ärzte fragen noch, wie alt der Tote sei; 52. Damit liegt er nur knapp unter dem durchschnittlichen Sterbealter russischer Männer. Die Ärzte und der weinende Mann breiten ein weißes Laken über die Leiche. Zehen und Nase zipfeln. Sonst nur noch vage Konturen. Verschwunden ist er und ich gehe nach Hause. Zehn Meter weiter buddeln Kinder im Sandkasten.
Alexandrowka
115 Jahre Einsamkeit
… und Hitze, zumindest im Sommer. Und am vergangenen Sonnabend, als Geburtstag gefeiert wurde und sogar ich eingeladen war zur Sause auf dem Sportplatz bei 40 Grad Hitze. Read the rest of this entry »
Roll, roll, roll das Boot
Auf dem Irtysch
Herzschlag für Herzschlag pocht der Motor des Schiffes an mein Ohr. Der Dampfer ist so alt wie meine Mutter und ich fühle mich aufgehoben. Durch das Fenster scheint weiß der Mond. Zwei alte Damen schnarchen im Duett. Read the rest of this entry »
Die Zeit, die schläft
Grazhdanskaja Oborona
Hier ein kurzer Auszug aus einem Interview mit dem Mitbegründer der Omsker Punkband Grazhdanskaja Oborona - Kostja Rabimow. Mitte der 80er Jahre wurde die Band gegründet und deren Mitglieder auch bald darauf wegen Antisowjetisismus, Faschismus und anderen Ismen vom KGB verfolgt. Sänger und Kopf der Bande Jegor Letow landete für kurze Zeit in der Psychiatrie. Kostja musste trotz Herzproblemen zur Armee. Danach spielten sie im Untergrund weiter und nahmen in Küchen und Wohnzimmern heimlich ihre Tapes auf. Mit der Perestroika besserte sich die Lage. Letow ging dann politisch recht eigene Wege. Im Februar dieses Jahres verstarb er in Omsk.
Kostja lebt in Sankt Petersburg und hat sich im Laufe des Telefoninterviews gut und gern die Kante gegeben. Rotwein war das Getränk der Wahl und zwischendrin auch ein kleiner Konjak. Und wenn alles nicht mehr half, eine kleine Runde Kotzikotzi auf den Teppich.
Kurze Zusammenfassung der Aufnahme: Jegor Letow hat zu Beginn der Band noch keinen Drummer, darum schlagen sie den Takt auf einer Schultasche. Und dann singt er. Mir gefällts. Viel Spaß.
