Mit Jetlag im Arbeitsamt
Es ist schön zu erleben, wie die Frauen im Amt am Lebenslauf scheitern, weil dessen Angaben nicht mit dem Eingabeformular am Computer in Einklang zu bringen sind. Ich fühle mich gleich ganz besonders.
Meine erste Betreuerin, demnächst wird es wohl ein Herr Brussig oder so sein, trägt Schlappen und hat schlimme Hornhaut an den Füßen. Sie ist freundlich und ein bisschen aufgeregt, den Pauschalisten findet sie nicht in ihren Berufsbezeichnungen. Macht ja nichts, beruhige ich sie, Scheinselbstständigkeit ist das Gespenst der Medienbranche – erschreckend gierig an den Titten der Kreativität saugend aber einfach nicht zu packen. Machen sie doch einen Freien Mitarbeiter daraus, das klingt auch gleich viel aufregender als der hübsch pauschale Schein.
Mit meinen persönlichen Unterlagen im Arm gehe ich zum hippen Neustadt-Friseur und lass mir die Spitzen schneiden. Zeit dafür hab ich ja jetzt.
Old Kid on the Blog
Nach etwa einem halben Jahr ohne Fernsehen schalte ich, zurück in Deutschland, den Kasten ein und was muss ich sehen: Die New Kids on the Block. Warum durften die nicht in Würde und als verdiente Veteranen im Krieg um den besten Platz im feuchten Traum pickliger ZahnspangenträgerInnen altern? Wahrscheinlich war es einfach zu langweilig: Im Heim für ausrangierte Boygroups mit angeschlossener Reha durften sie: nicht singen, nicht tanzen, nicht mit ausgestrecktem Arm auf andere Leute zeigen. Gezehrt wurde vom Ruhm der alten Tage, dazu gab es Pizza und Bier auf dass die Wampe wuchtig wachse.
Doch irgendwann wuchs mit der Pizza-Bier-Wampe auch der Wunsch nach Rebellion, nach Ausbruch und mehr Taschengeld. Und als hätten die Betreuer ihnen nicht immer wieder gesagt: Macht nicht auf, wenn fremde Leute klingeln! ließen kleinen Strolche in einer lauen Sommernacht ihr Hintertürchen weit offen und herein trat ein Mann mit dickem Geldkoffer und einem Körbchen voller Versprechen. Ihr da, die andern bringens nicht mehr, ihr müsst wieder ran, hat er vermutlich gesagt und die fünf Freunde mittels einer List, in der Pizza und Bier involviert waren, ins Fitnessstudio gelockt und dort eingesperrt bis sie aussahen wie Typen, die man im Fitnessstudio eingesperrt hatte.
Und nun tanzen diese aufgepumpten Familienväter über meinen Bildschirm, tun so, als wären sie immer noch Kids, immer noch 15 und immer noch neu im Block, spielen an ihren Handys rum, schmieren sich an Strandschönheiten und schmachten grenzdebil an der Kamera vorbei. Ich möchte mich übergeben.
Abschließendes Fazit: Mark Walberg sieht wirklich besser aus als sein Bruder. Offene Frage: Was ist eigentlich mit der Nase von dem einen Lollo los?
Homecoming Queen
Eine Woche noch
… und ich freue mich auf Hasenbraten mit Rotkraut und Klößen.
Was ich aber noch zu Almaty sagen wollte: Hübsche Stadt mit Bergen im Süden und Steppe im Norden. Leider hab ich so viel davon am Ende nicht sehen können. Einmal natürlich wegen der aufreibenden Arbeit als Dozentin fürs Bloggen beim Seminar. Zum zweiten wegen so etwas wie der Kasachischen Variante von Montezumas Rache. Read the rest of this entry »
Kasachstan
Über den Wolken…
Ich bin in Almaty, Kasachstan, bei der Zweiten Zentralasiatischen Medienwerkstatt. Sie hat gerade angefangen und ich sitze hinter den Teilnehmern aus Kasachstan, Russland, Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan und lerne erst einmal was über Fotografie – schaden kann es ja nicht. Heute abend ist es dann an mir, klug zu schwätzen.
Die Reise in den Süden war anstrengend. Gestern morgens um vier in den Zug nach Petropawlowsk, pennen in der Sonne vor dem Flughafen von Petropawlowsk – ein übrigens sehr niedlicher Airport inmitten von grünen Weiden, idyllischen Seen und Birkenwäldchen. Bunte Mosaike an den Mauern. Nichts ist dort los. Zwei Flieger starten am Tag, meiner ist eine Propellermaschine…
Von oben sieht Kasachstan wirklich faszinierend aus: Kann man in Sibirien einsam sein, bekommt man hier definitiv den Blues. Land, Land, Land, gestreifte Äcker, Steppe, selten ein paar Häuser, kaum Bäume oder gar Wälder und dann irgendwann kommt Astana – eine Landung wie Achterbahnfahren.
Die Hauptstadt kenne ich nur vom Fenster des Flughafengebäudes aus und den Flughafen kann ich mittlerweile anhand der Sitzgelegenheiten kartografieren. Sechs Stunden sind wirklich eine lange, lange Zeit…
Gestern Nacht dann Ankommen in Almaty. Ich hab noch keinen Eindruck von der Stadt – aber ich bin dabei, das zu ändern. Mehr dann später.
Bis dann.
30. und 31. Juli
Mittwoch und Donnerstag
Wenn ich ganz ehrlich bin: Mir ist langweilig. Im Haushalt gibt es weder Computer noch Fernseher. Mein Buch habe ich so gut wie ausgelesen und außer Bibeln und bibelergänzender Literatur steht im Baptistenregal nicht viel. Irina spielt mit ihrem Jüngsten in der Küche, verkauft ab und zu Honig und sitzt manchmal auch einfach nur auf einem Stuhl und beobachtet, was die anderen so machen. Dann setzt sie sich und David ins Auto und sie fahren zur Heuwende auf einen anderen Hof. Read the rest of this entry »
Georgien
Kurze Unterbrechung meiner betulichen Tagebucheinträge
Wie der Einmarsch der georgischen Truppen mein Leben in Russland beeinflusst: Gar nicht. Das zur Beruhigung aller Anverwandten, die nägelkauend vor dem Fernseher sitzen und ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen – sich Sorgen machen. Dann aber hatte das Geschehen doch einen Einfluss, indirekt, auf meine Laune und meine Arbeit. Read the rest of this entry »
29. Juli
Dienstag
Ziehe um von meiner Direktorin zu einer waschechten Baptistenfamilie. Ich packe meine Sachen nicht, weil es mir nicht gefällt oder weil ich in abklingender Geburtstagsverzweiflung doch noch zu Gott gefunden hätte – hier geht es ganz allein darum meine Neugier zu stillen. Olga ist ein wenig bedrückt am Morgen, ich auch. Trotzdem: Mit dem Rucksack auf dem Rücken wandere ich fünfzig Meter die Straße hinunter hinein in eine andere Welt.
28. Juli
Montag
Habe heute Geburtstag, werde 29 und fühle mich wie auf einer kleinen Jolle im Stillen Ozean; kein Wind geht, die Sonne steht am Himmel und ich schwitze und fühle mich unendlich einsam. Meinen Geburtstag habe ich bisher noch nie allein in der Fremde unter Fremden zugebracht. Also halte ich mich fest an meinem Block und meiner Kamera und gehe ins Museum – Beschäftigung lenkt ab.
27. Juli
Sonntag
Gegen halb elf zum Gottesdienst der Mennonitengemeinde. Gott ist Liebe steht auf Russisch an der Wand hinter dem Gemeindevorsteher, der predigt und die Bibel erläutert. Er spricht Plattdeutsch. Ich verstehe so gut wie nichts. Die Gemeinde singt und sie liest den Text aus schon angegilbten, handgeschriebenen Gesangsbüchern ab. Read the rest of this entry »
26. Juli
Ankunft in Neudatschino
Fahre etwa zwei Stunden von Omsk in das russlanddeutsche Dorf Neudatschino im Novosibirsker Oblast. Ankunft gegen Mittag. Jakob Pankratz, Leiter des Russlanddeutschen Hauses in Novo holt mich ab. Man sagte, die Menschen aus Neudatschino sprechen noch Plattdeutsch. Das stimmt. Read the rest of this entry »